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Morrissey ist ohne Frage der große Gentleman der britischen Popmusik. Seine treue Anhängerschaft schätzt ihn nicht nur für sein stilvolles Auftreten, die opulente Musik und souveräne Haltung gegenüber Massenmedien, Politik und dem eigenen Erfolg. Die 57-jährige Stilikone wird ebenso verehrt für ihre lyrische Leidenschaft, mit der komplexe, kontroverse und unbeliebte Themen angepackt werden. In mehr als 25 Jahren Solokarriere, die seit der Auflösung seiner Band The Smiths vergangen sind, schrieb Morrissey zehn brillante Alben voll gesellschaftlicher Statements, persönlicher Geschichten und edlem Sound. Zuletzt erschien 2014 sein zehntes von Kritik und Fans gefeiertes Werk „World Peace Is None Of Your Business“, das hoch in die internationalen Charts einstieg – unter anderem Platz 8 in Deutschland, Platz 14 in den USA und Platz 2 in England. Nach einer ausverkauften Tournee im vergangenen Jahr kehrt Morrissey am 30. September und 1. Oktober für zwei Shows in Neu-Isenburg und Köln nach Deutschland zurück.

Als Steven Patrick Morrissey 1959 in einem Vorort von Manchester zur Welt kam, lernte er schnell, was es bedeutet, ein Außenseiter zu sein. Seine Eltern waren irisch-katholische Einwanderer, die sich mit den laxen Sitten in der Arbeitersiedlung schwer taten. So verbrachte er als Kind die meiste Zeit zu Hause. Mit sieben begann er, Schallplatten zu sammeln. Er wollte damals in die Fußstapfen seiner Mutter treten und Bibliothekar werden. Diese tiefe Verbundenheit zu Literatur und Lyrik spürt man in jeder Zeile, die er schreibt. Insbesondere die Bücher von Oscar Wilde sowie „A Taste Of Honey“, ein Drama der irischen Schriftstellerin Shelagh Delaney, üben bis heute einen nachhaltigen Einfluss aus. Bedingt durch seine irische Außenseiterrolle, war seine Jugend von Melancholie geprägt. Er hatte wenig Freunde, nahm Antidepressiva und verließ nur selten sein abgedunkeltes Zimmer, in dem er oft tagelang auf einer Schreibmaschine tippte.

Als er auf den deutlich jüngeren Gitarristen Johnny Marr stieß, änderte sich sein Eremitendasein. Gemeinsam mit zwei Freunden gründeten sie The Smiths, die mit ihrer unterkühlten, gleichwohl höchst stilvollen Popmusik über Nacht zur Sensation der englischen Musikszene gerieten. Mit vier Alben in vier Jahren stiegen sie zu internationalen Superstars auf. In dieser Zeit begann auch das spezielle Verhältnis zwischen Morrissey und der englischen Presse, die ihn einerseits zum Musikgott erhob, andererseits wegen seiner zynischen, mehrdeutigen Texte angriff. Er verarbeitete – mal biografisch, mal betont allgemeingültig – Themen wie soziales Außenseitertum, Tierrechte, Sexualität und unerwiderte Liebe. Heute gehören The Smiths zu den Lichtgestalten der englischen Popmusik. Der ‚NME’ kürte sie sogar zur „einflussreichsten Band aller Zeiten“. Ganze Hundertschaften britischer Bands, von Blur bis Franz Ferdinand, von Interpol bis Oasis, berufen sich auf The Smiths.

Seit ihrer Auflösung 1987 widmet sich Morrissey seiner Solokarriere. Wie kein Zweiter verbindet er beißende Selbstironie, Theatralik und aufrichtige Melancholie, politisch beeinflussten Wortwitz sowie individuelle, zuweilen betont kantige Pop- und Rockmusik zu klingenden Ereignissen. 2009 veröffentlichte er mit „Swords“ eine Sammlung von B-Seiten und Raritäten, die 2011 mit der Veröffentlichung von „The Very Best Of Morrissey“ abgerundet wurde. Ende 2013 erschien zudem das schlicht „Autobiography“ betitelte, von ihm verfasste Buch seiner Lebensgeschichte, das der ‚Telegraph‘ als „beste Musikbiografie seit Bob Dylans ‚Chronicles‘“ beschrieb. Am Schreiben fand Morrissey derart viel Freude, dass er die Arbeit an seinem ersten Roman aufnahm. Er bleibt ein unbegrenzt spannender Künstler, der sich selbst immer wieder neu inspiriert und definiert.