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Man kann halt nicht überall sein. Diese banale Weisheit ist der simple Grund, warum diese grandiose Band aus Leicester sich trotz zweier Ausnahmealben auf deutschen Bühnen bisher recht rar gemacht hat. Da Kasabian in der Heimat mit über 700.000 verkauften Einheiten des Debüts auf Anhieb Platinstatus erreichten, ohne von den Medien groß unterstützt worden zu sein, in Südamerika oder Japan vor fünfstelligen Besucherzahlen auftraten, ihre Freunde von Oasis auf einer ausgedehnten US-Tour begleiteten und sogar von den Rolling Stones als Support eingeladen wurden, mussten sich die deutschen Fans bisher mit den fünf furiosen Live-Shows Ende 2004/Anfang 2005 begnügen. Im Februar 2007 ist diese Durststrecke endlich beendet.

Zum Glück, denn Kasabian haben weit mehr zu bieten als der überwiegende Teil der zahlreichen Brit-Hypes, die in letzter Zeit auch in Deutschland für Furore sorgten. Scheuklappenfreiheit, Experimentierfreude und eine souveräne Immunität gegen Zeitgeist-Sounds zum Beispiel. Anders gesagt: Kasabian zelebrieren ihre Kreativität ohne Grenzen und pfeifen darauf, ob gerade mal wieder ein Sixties-Rock- Retro-Revival angesagt ist. Denn die Band verfügt neben großartiger Musikalität auch über ein Selbstbewusstsein, das sie von jeglichen Trends unabhängig macht. Wie majestätisch ihr höchst eigenwilliger Sound klingt, bewiesen sie auch mit dem zweiten, Ende September erschienenen Geniestreich Empire.

Auch mit dem selbstbetitelten Debütalbum von 2004 hatte die Band um Sänger Tom Meighan sowie Songwriter und Hauptinstumentalist Serge Pizzorno (Leadgitarre, Keyboards) schon gezeigt, dass man mit einer ungewöhnlichen Mixtur höchst erfolgreich sein kann, wenn man es nur richtig anpackt. Den größten gemeinsamen Nenner im Sound von Kasabian bildeten zwar die britischen Rave-Helden der späten Achtziger (Stone Roses, Happy Mondays, Primal Scream), doch merkte man ihren Songs – darunter die Hitsingles Club Foot, L.S.F und Processed Beats – neben den unvermeidlichen Rock-Ikonen (Rolling Stones, Beatles, Doors, T.Rex) auch deutliche Einflüsse von Electronica (z.B. DJ Shadow, Air oder Chemical Brothers) und Krautrockern wie Neu!, Can und Tangerine Dream an. „Einschränkungen waren für uns von Anfang an tabu“, erklärt Sänger Meighan. „Das ist nur was für Bands, die zu unsicher sind, aus dem allgemeinen Trott auszubrechen.“

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Angst ist für Kasabian ein Fremdwort, sonst hätte sich die 1999 gegründete Band wohl kaum so angreifbar gemacht, indem sie sich nach Linda Kasabian benannte, der Frau, die den Fluchtwagen von Charles Mansons Mörderbande gefahren hat. Dass Kasabian in der armenischen Sprache zudem ‚Schlachter’ bedeutet, passt ins provokante Bild der keiner Kontroverse aus dem Weg gehenden Band, die bis vor kurzem noch in einer wilden Kommune in Rutland vor den Toren ihrer Heimatstadt Leicester lebte, feierte und arbeitete. Inzwischen gönnen sich die Musiker jedoch ein Mindestmaß an Privatleben und haben in Leicester separate Wohnungen bezogen, zumal es unlängst auch personelle Veränderungen gab. Gitarrist Chris Karloff verfolgt heute eigene musikalische Wege, mit Drummer Ian Matthews, dem Bassisten Chris Edwards und dem neuen Gitarristen Jay Mehler sind Kasabian mittlerweile zu fünft unterwegs.

Und sie haben mit dem wiederum von Jim Abiss (u.a. Placebo, Arctic Monkeys) produzierten Empire ein Album im Gepäck, das laut Meighan „wesentlich stattlicher ist als das Debüt, das eine massive Ladung Stones-Rock’n’Roll-Funk-Psychedelia war. Das neue Album ist ein Rolls Royce unter den Schallplatten.“ Daher auch der unbescheidene Titel, der Assoziationen an Eroberung, Größe und Erhabenheit hervorruft. „Ja, sicher ist es eine klare Ansage, sein Album Empire zu nennen, vergleichbar mit Titeln wie Never Mind The Bollocks oder Meat Is Murder. Es ist fordernd, frech und ein bisschen größenwahnsinnig. Und das passt perfekt zu Kasabian.“ Größe, wem Größe gebührt, und ein bisschen Wahnsinn hat im Rock’n’Roll bekanntlich auch noch nie geschadet.

Während das erste Album stark von den Beats und Loops lebte, setzt das neue deutlich stärker auf das Live-Feeling und griffige Songstrukturen, mischt unbekümmert Dylan-Anleihen mit Krautrock-Keyboardflächen und integriert sogar Giorgio Moroder-Elemente oder das Leitmotiv der britischen Sixties-Sci-Fi-Serie „Doctor Who“ in Songs wie „Shoot The Runner“, den Acid-Rocker „Last Trip (In Flight)“ oder den mit rhythmischen Überraschungen faszinierenden Titeltrack des Albums. „Das erste Album war geprägt von einem psychedelischen Feeling, das von Gras und Mushrooms inspiriert war“, sagt Tom Meighan. Empire dagegen sei reiner Alkohol. „Na ja, nicht ganz pur“, relativiert der Sänger, „es ist immer eine Mischung aus verschiedenen Substanzen. Aber während das Debüt sehr mellow ist, springt dich das Adrenalin auf der Neuen geradezu an.“ Adrenalin ist neben tollen Melodien und mitreißenden Grooves auch der Hauptbestandteil einer Kasabian-Show. Menschen mit Kreislaufproblemen oder schwachem Herzen sollten daher vielleicht besser von einem Besuch absehen.