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Musiker mit Kante, Eigensinn und Unangepasstheit haben in England eine lange Tradition, und das Sextett The Fat White Family aus den Londoner Arbeiter-Stadtteilen Peckham und Brixton schlägt punktgenau in diese Kerbe.In ihren Texten und Videos konfrontieren sie ihre Hörer mit unbequemen Wahrheiten über die postmoderne Gesellschaft. Ihr Sound kennt keine Beschränkungen und zitiert fröhlich und unverblümt aus fünf Jahrzehnten Musikhistorie, während ihre Konzerte nicht selten im spontan inszenierten Chaos enden. Ein englisches Magazin bezeichnete die Fat White Family kürzlich als „krank, nicht im Sinne von schräg oder überdreht, sondern im echten Wortsinne – dabei aber gleichzeitig brillant“. Ähnliche Äußerungen vernimmt man auch über ihr Ende 2013 erschienenes Debütalbum „Champagne Holocaust“, einer mutigen, kontroversen Sammlung aus Stilzitaten, kompositorischer Frechheit und scharfzüngigen Texten, die es in sich haben. Die Songs des Debüts und bestimmt auch einige des im Frühjahr 2015 erwarteten neuen Albums wird man Ende September im Rahmen ihrer Clubshows in Berlin, Hamburg und Köln endlich live in Deutschland erleben können.

Es war eine für sie geradezu exemplarische Reaktion: Als man der Fat White Family kürzlich ihren ersten Newcomer-Preis verleihen wollte, nutzten sie die damit verbundene Öffentlichkeit, um Preisvergaben im Kulturbetrieb generell als Schwachsinn abzutun. Es gehe dabei nicht um Künstlerförderung, sondern lediglich um die ausgiebige Selbstbeweihräucherung von Branchen-Insidern. Nur ein Beispiel unter vielen, das dazu dienen kann, den herrlichen Eigensinn des Sechsers zu beschreiben, mit dem sie in ihrer englischen Heimat gegenwärtig Furore machen.

Bereits ihr Name verweist auf gleich mehrere Ungehörigkeiten: Das „Fat“ stehe sinnbildlich für die Sattheit des modernen Menschen und seine Unfähigkeit, gegen Missstände aufzubegehren, die Nennung einer Rassenzugehörigkeit im Bandnamen gilt ganz generell als bewusste Provokation, und das „Family“ erinnert nicht nur zufällig an die einstmals prominente Gruppe von Serienmördern rund um Charles Manson. Auch im Titel ihres Albums drücken sich zwei signifikante Pole der postmodernen Gesellschaft aus – und es beschreibt gleichzeitig in schwarzer Satire, wie die Fat White Family den allgemeingültigen Konsumterror empfindet.

Man wolle aufrütteln, anregen und Fans zu bewussteren, achtsameren Menschen erziehen, sagt das Sextett, das sich seinen eigenen Antrieb aus jahrelangen, verbissen geführten Arbeiter- und Klassenkämpfen zieht. Seit sie nun gemeinsam Musik machen, nutzen sie ihre Kunst als weiteres kreatives Vehikel für ihre Agitationen. So sieht man etwa im Videoclip zur Single „Cream Of The Young“, der die degenerierte Ernährungskultur der jungen Generation thematisiert, ausschließlich Berge an Billigfleisch, Innereien oder Fischabfällen. Natürlich ist das abstoßend und konfrontativ, doch genau das sollen solche Aktionen erreichen: eine Sensibilisierung für die gesellschaftlichen Unzulänglichkeiten der Moderne, an die keiner gern erinnert wird.

Was die Fat White Family, bestehend aus Sänger Lias Saoudi, den Gitarristen Saul Adamczewski und Adam J Harmer, Bassist Joe Pancucci, Keyboarder Nathan Saoudi sowie Drummer Dan Lyons, aber letztlich zu diesem vielleicht aufregendsten Newcomer der Gegenwart macht, ist natürlich ihre musikalische Performance. Schon das Debütalbum überzeugt und becirct mit großartig zeitlosen und doch höchst zeitgeistigen Songs zwischen Country, Blues, Funk, Pop, Rock’n’Roll und eigensinniger LoFi-Attitüde. Zur echten Macht gerät das Sextett aber erst im Konzert, die nicht selten Züge einer Kunst-Performance tragen, auf der wirklich alles passieren kann. Hauptsache es ist wild, eruptiv, humorvoll, unkontrolliert und freigeistig. Damit erzeugen sie gleich reihenweise Shows, über die im Anschluss gesagt wird, dass man das niemals vergessen wird. Das wohl größte Kompliment, das man einem Live-Künstler machen kann.