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Mitte November ging ein Raunen durch den feuilletonistischen Blätterwald: Die New Yorker Kunstrock-Sensation TV On The Radio meldete sich nach drei Jahren Funkstille mit ihrem fünften Album „Seeds“ zurück. Kaum eine Platte wurde im Herbst mit mehr Spannung erwartet. Sänger Tunde Adebimpe, der sonst nicht für Marktschreierei bekannt ist, versicherte im Vorfeld, dass „es ohne jeden Zweifel das Beste geworden ist, was wir je gemacht haben. Und machen können“. Eine mutige Aussage, wo die beiden Vorgänger-Alben in jeder seriösen Jahreswertung auf den vorderen Plätzen oder sogar an der Spitze landeten. Doch nicht nur Kritiker sind sich einig, dass TV On The Radio zu den mutigsten und unverwechselbarsten Bands der Gegenwart zählen. Am 12. Februar kommen TV On The Radio nach Deutschland, um die neuen Songs live im Rahmen einer Clubshow im Hamburger Mojo vorzustellen.

Nicht erst seit „Dear Science“, TV On The Radios drittem Album von 2008, das das Künstlerkollektiv erstmals in die Nähe der amerikanischen Top 10 spülte, machte der Vergleich „Radiohead der USA“ die Runde. Diesen hatten die New Yorker gleich zu Beginn ihrer Unternehmung selbst ins Spiel gebracht: Ihre erste EP 2002 trug den Titel „OK Calculator“ und war eine Anspielung auf Radioheads Durchbruchs-Werk „OK Computer“. Es zeichnete metaphorisch den weiteren Weg vor – konsequentes Bewegen auf individuellen Pfaden, keine Kompromisse an Zeitgeist oder Hörgewohnheiten, fröhliches Ignorieren aller üblichen Genre-Beschränkungen. Eine fulminant formulierte Suche nach den Schnittstellen zwischen Avantgarde und Pop, Indie und Elektronik, Jazz und Post-Punk, Turntablizm und Visual Arts. Kurz: Kunst, die gern gefallen und fordern, rocken und swingen darf – am liebsten alles gleichzeitig. Ihre eigene Erklärung für ihren enormen Eklektizismus ist denkbar simpel: Sie mögen eben sehr unterschiedliche Musik, ihre Einflüsse reichen von den Bad Brains über Earth, Wind & Fire, Serge Gainsbourg und Nancy Sinatra bis zu Brian Eno und den Pixies. Und wer genau hinhört, kann diese Einflüsse als Zitate in ihrer Musik entdecken.

Es brauchte nicht lange, bis sich die drei Gründungsmitglieder Tunde Adebimpe (Gesang, Loops), David Sitek (Gitarre, Keyboards, Produktionen) und Kyp Mallone (Gesang, Gitarren, Soundtools), bis heute der feste Kern von TV On The Radio, in der intellektuellen Künstlerszene einen Namen machten. Ihr Debütalbum „Desperate Youth, Blood Thirsty Babes“ (2004) wurde mit überragenden Kritiken bedacht und gewann den Shortlist Music Prize. Mit dem Nachfolger „Return To Cookie Mountain“ gelangen ihnen 2006 nicht nur erste achtbare Chart-Positionen in den USA, England und Deutschland, das Werk wurde auch vom renommierten ‚SPIN Magazine‘ zum Album des Jahres gekürt. „Dear Science“ (2008) wiederholte diesen Erfolg und führte neben SPIN auch bei Rolling Stone, The Guardian, Entertainment Weekly, Pitchfork Media und vielen anderen Medien die Jahreswertungen an.

2011 dann die harte Zäsur: Fast zeitgleich mit Veröffentlichung des vierten Albums „Nine Types Of Light“ verstarb das neben Drummer Jaleel Bunton fünfte feste Bandmitglied, Bassist Gerard Smith, an Lungenkrebs. Die Band zog sich zurück und trat erst 2013 wieder als Kurator des All Tomorrow's Parties-Festivals in Erscheinung. Damit begann auch die Arbeit an dem aktuellen Album „Seeds“, das eine entschlackte, souveräne, pointierte und gelassener agierende Band präsentiert, die nichts von ihrem Furor eingebüßt hat.

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